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Keine Rezension! Zu Britta Radkowskys Buch 'Moderne Vampyre' Kapitel [^^K^^]: Das Buch Vor kurzem wurde ich mit einem bemerkenswerten Buch bekannt gemacht, dessen Autorin Britta Radkowsky unter dem Titel 'Moderne Vampyre - Mythos als Ausdruck von Persönlichkeit' eine soziokulturelle Geschichte des "saugenden Widergängers" vom Gestern bis zum Heute nachzeichnet. Das Bändchen umfasst - einschließlich Literaturverzeichnis, Online-Quellen sowie einer Filmographie - 104 Seiten, davon sind 66 Seiten Sachtext und ein Anhang mit Interviews. Es ist also schon vom Umfang her nicht langatmig, dazu, bei aller begrifflichen Klarheit, in der Sache leicht und flüssig geschrieben, und nicht nur ich habe es durchweg mit Spaß und Interesse gelesen. Jede/r, die/der sich für die Figur des Vampirs und ihren mythologischen Hintergrund interessiert oder ihrer-/seinerseits darüber schreiben will, sollte dieses Buch gelesen haben. Ich selber bin kein Vampyr (im Buch wird diese Schreibweise für Vampyre der Gegenwart ausgewiesen), habe aber durch die Seiten von Marcia, Webmistress der Vampirgruft (www.vampirgruft.com), einen ersten und faszinierenden Eindruck der mondbeschienen Seite der Welt bekommen.Sie war es im übrigen, die mir das Buch von Britta Radkowsky empfahl. Abwege | ^^K^^ Der Titel hat auch deswegen mein Interesse geweckt, weil ich während meines Studiums im Fach Altnordisch eine Seminararbeit über den Vampirglauben in alten nordischen Sagen (Erikssaga Rautha u.ä.) geschrieben habe. Nach der strengen Definition der Autorin, die "gelernte" Vampire ausschließlich im südosteuropäischen Volksglauben des 18. Jahrhunderts ansiedelt, handelte es sich bei meinen Wesen allerdings nur um Vampirähnliche! Meine damalige Seminararbeit muss ungefähr in das Jahr 1969 gefallen sein, also in dem Jahr, als Anton la Vey in den USA seine Satanische Bibel veröffentlichte (vgl. im Buch S. 55). Davon wusste ich aber damals nichts, und schließlich ging es in der deutschen "68'er Generation" meistens um ganz andere Themen. Im gleichen Jahr 1969 wurde ich jedoch durch das mediale Echo aus Anlass der Verhaftung von Charles Manson auf die entsprechende Begleitszene in den USA aufmerksam gemacht. Hier (besonders in Kalifornien) gab es ein ziemlich großes, ziemlich undurchsichtiges Spektrum an Kommunen, Kultgemeinschaften und Sekten, die sich selber teils als anarchisch-utopische aber auch rechte Opposition teils als gesellschaftliche Widergänger ( z.B. Teufelsanbeter und/ oder Satanisten) definierten. Anmerkung:(In den siebziger Jahren erschien dazu bei Fischer [Das Neue Buch] eine hervorragende Publikation, deren Autor ich leider vergessen habe und deren Titel ich nur noch aus dem Gedächtnis zitieren kann: Charles Manson und seine Strandbuggy-Streitmacht). Das hatte nicht direkt mit der vampirischen Szene zu tun, aber die Fähigkeit andere zu beeinflussen, die beispielsweise Manson - mit Berufung auf übergeordnete Instanzen - offensichtlich innerhalb seiner "family" und auch nach außen auszuüben im Stande war, haben für mich schon etwas mit Phänomenen des "psychischen Vampirismus" (vgl. im Buch S. 55) zu tun, wie er im Buch beschrieben wird. Charles Manson ist m.E. ein krimineller Widergänger, der seinerseits in einem typisch amerikanischen Hexenprozess verurteilt wurde. Über neuheidnisch-esoterische Gruppen in Deutschland, ihre Treffen (unter anderen) auf der Wevelsburg (zugleich als rechtes "Runen-Zentrum" bekannt geworden) und damit in Zusammenhang gebrachte dubios-kriminelle Sachverhalte wurde in den Medien teilweise so oberflächlich und sensationsgeil berichtet, dass Außenstehende unwillkürlich auch Gothic und/oder Vampyre damit assoziieren konnten. Diese Dinge sind zwar in der vorliegenden Publikation ganz klar nicht das unmittelbare Thema, aber man hätte als Orientierung für Außenstehende vielleicht einmal kurz darauf eingehen sollen. Perspektive und Ex-Zentrik | ^^K^^ Neugierig war ich auf dieses Buch auch, weil schließlich der Vampir als exemplarisch-fiktionale Figur wie auch Vampyre als "phänotypische" Individuen, die einem so zu sagen auf der Straße begegnen, ein Teil unserer Gesellschaft geworden sind. In ihrem Buch zeigt die Autorin welche Wandlungen die Figur des Vampirs durchmacht und wie sich seine soziale Stellung mit und in der Rezeption durch Schriftsteller, Regisseure, durch Vampyre (!) und nicht zuletzt des Publikums verändert: vom monströsen, Angst, Krankheit und Tod verbreitenden Unhold, der außerhalb der dörflich/städtischen Gemeinschaften steht (liegt) zum gesellschaftlich akzeptierten romantischen Genotypus des "Outlaw" und/oder melancholisch-depressiven Exzentrikers, dessen so erweiterte Aura überhaupt erst aufnahmebereit für verschiedene Projektionen ist. Es ist die gesellschaftliche Position, wie sie seit der Renaissance in Italien, im nördlicheren Europa seit der Gotik - jedenfalls seit der Geburt des (bürgerlich-empfindsamen) Subjekts und des Individualismus - Künstler und andere Genies einnehmen, aber auch durch die Gesellschaft zugewiesen bekommen: manchmal ex-zentrisch, bisweilen merkwürdig aber eben durch ein gewisses Genie gerechtfertigt und/oder liebenswert. Und es ist wohl kein Zufall, dass mit der Entdeckung der Perspektive bzw. verschiedener möglicher Perspektiven in der Malerei der Renaissance sowie mit der Entdeckung der Natur als Gegenstand wissenschaftlicher Beobachtung (Leonardo/gotische Architektur), gleichermaßen die herausragende Bedeutung wie auch die Relativität des individuellen Standpunktes bewusst wird. Die perspektivische Zeichnung ist ja im Übrigen nichts anderes als eine Projektion der Realität. Von Da Vinci zu Freud, von Einstein zu Beuys ist der Weg nicht weit. Diese Einbeziehung des Geniebegriffes, des Exzentrischen in das gesellschaftliche Verständnis von Kunst, Kultur, Kult, macht aus dem bekämpften Widergänger den gesellschaftlich anerkannten "Antagonisten", der natürlich zugleich - diese Rolle ist ihm ja zugedacht - ein Protagonist ist oder doch sein kann/sollte. Von dieser Frage Antagonist-Protagonist lebt ja die Diskussion der Kunst- und Kultszene. Der neue Vampyr kann sich mit allen Facetten befassen, er kann sich aber auch beschränken auf den Aspekt eines Kultes, zu dem Mode, Rollenspiel und/oder Erotik gleichberechtigt gehören, er kann sich aber auch philosophisch, ethisch, religiös mit den Fragen auseinandersetzen, die sich ihm mit dem zu Grunde liegenden authentischen Mythos stellen. Kurz gesagt, der Vampir ist als "Komplex" konsumierbar geworden und kann, wenn er will, sich in seinem So-sein als bloßer (Kult-)Konsument einrichten. Mit 'Interview with a Vampire' der US-amerikanischen Schriftstellerin Anne Rice, in dem ein depressiver/melancholischer Untoter die Sympathien auf sich zieht, mit der Entdeckung der Blutkrankheit Aids und mit einigen spekatukulären Neuverfilmungen setzt, so beschreibt das Buch, eine Renaissance (sic! G.N.) des Vampir-Kultes ein. Zu seiner weltweiten Ausbreitung hat wohl auch das Internet maßgeblich beigetragen. Das "Netz" aus dem man die Informationen "saugen" konnte, wuchs ja praktisch in diesen Jahren und mit ihm die verschiedenen "ungleichgesinnten" Gruppierungen der Vampyre. Das transzendentale Subjekt | ^^K^^ Die "mythische, sekundäre Qualität (des Vampirs - G.N.) fußt auf dem authentischen Mythos von Werden und Vergehen, der Dualität Leben-Tod. Der Vampir-Mythos fordert dazu auf, sich der grundsätzlichen Frage nach dem Tod, und wie es nach ihm weiter geht, zu stellen" - so Britta Radkowsky - um dann das Kapitel "3. Sehnsucht nach Unsterblichkeit" mit der Feststellung zu eröffnen: "Das einzig Sichere im Leben ist der Tod." Diese Aussage regt mich zur Diskussion an, wobei ich ein "Wortspiel" vorausschicke: Ich unterscheide zwischen dem/der Toten und dem Tod. Der Tote liegt als Leichnam im Sarg /im Grab. Sein Zustand ist dem des Lebens entgegengesetzt. Wenn ich gehe, bleibt der Tote zurück. Der Tod dagegen als Ziel oder Summe des Lebe-/Sterbeprozesses ist ein Geschehen, das zum Lebensende, wie die Geburt als Anfang, zum Leben gehört. Im Tod gehe ich (wohin?) und lasse die Lebenden zurück. Es finden also verschiedene Bewegungen statt. "Das einzig Sichere im Leben ist der Tod."? Natürlich stimmt der Satz der praktischen Vernunft nach. Er trifft jedoch als theoretische Aussage eben so wenig zu wie etwa der Satz "Jeden Morgen geht die Sonne auf." Exakt wäre es, zu sagen: "Bisher ist jeden Morgen die Sonne aufgegangen, also wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit morgen auch wieder aufgehen." So müsste es analog auch vom Tod heißen: "Bisher ist jeder gestorben, also werde wahrscheinlich auch ich ..." (s.a.Titanic Nr 5 "Volksgeissel Tod / Müssen wir wirklich alle sterben?"). Der Tod ist also keine kategorische Gewissheit oder Wahrheit. Nein! Das Einzige, wodurch ich mir in diesem und anderen Momenten meiner selbst gewiss und uneingeschrŠnkt sicher sein kann, ist die Tatsache, dass ich denke (unabhängig vom Inhalt meiner Gedanken). Der (wahrscheinliche) Tod gehört zwar als letzte Bewegung zum Leben - und ich kann mein Leben auch von daher denken - aber der Tod bestimmt nicht meine Existenz. Meiner selbst sicher bin ich einzig und allein durch das cartesische "Cogito ergo sum - ich denke also bin ich!" Was kann das heißen? Vielleicht nichts anderes, als dass ich wenigstens mit einem Teil meiner Existenz die Sehnsucht nach Unsterblichkeit oder wie Britta Radkowsky in diesem Zusammenhang schreibt: "die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren" schon erfüllt habe. Natürlich bin ich physisch endlich, als fühlende und denkende Existenz jedoch vom Grundsatz her unbegrenzt und in dieser Hinsicht auch vom Tod unerreichbar. Das, was ich gedacht und irgendwie mitgeteilt habe, wird mehr oder weniger vergessen werden, aber dieser Akt, der geschehen ist und mich als Existenz mit-definiert hat, kann als Faktum nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Ich bin überzeugt: Nur das transzendentale Subjekt, das heißt, das sich seiner selbst bewusste Subjekt als Bedingung von (im Prinzip allen!) Möglichkeiten, ist ja überhaupt erst in der Lage, auf bestimmte Grundbefindlichkeiten und (letzte) Fragen (wie zum Beispiel Mythen) mit seinem jeweils ganz individuellen Selbst-Bewusstsein und Gestus zu antworten - sowohl als Vampyr, wie auch als Mensch überhaupt. Und um den Kreis zu Britta Radkowskys Aussagen im Buch wieder zu schließen, behaupte ich: Der Mensch als physische und psychische Existenz ist in fundamentaler Weise immer Antagonist(vgl. Marcia-Interview: "trauriges, zerquältes Wesen" und Protagonist seiner selbst und, was ich für wichtig halte hervorzuheben, der ihn umgebenden Natur. Vom Vampir zum Vampyr, das ist die Entwicklung des eindimensionalen Widergängers zur "multiplen Persönlichkeit", die ein akzeptierter Bestand-Teil der Verhältnisse geworden ist (vgl. auch die entsprechende Kinderliteratur und Jugendliteratur in diesem Bereich!). Der Untote muss nicht mehr verfolgt werden, da er Konsument und kosumierbar wurde. Vampyre sind aber insofern besondere Menschen, als/wenn sie vor dem Hintergrund der Fragen, die sich mit dem authentischen Mythos stellen, ihre Existenz reflektieren. Die Interviews im Buch beweisen es. Melancholie | ^^K^^ Zum Schluss möchte ich noch einen Gestus aufgreifen, der mich im Buch besonders angesprochen hat: Mit der Haltung und der Gestimmtheit der Melancholie, die verschiedene Interviewpartner ausdrücklich für sich in Anspruch nehmen, stimme ich sehr überein. Melancholie ist ein Grundzug der uns umgebenden Natur, und ich meine, dass zum Denken, zum Philosophieren, zum Erinnern, zur Kunst immer ein Stück Melancholie als Voraussetzung und Hintergrund gehört. Was passiert nach dem Tod? Unsterblichkeit? Seelenwanderung? Da berufe ich mich auf Wittgenstein: "Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Wohin fällt der Schnee? Der Schnee fällt an keinen anderen Ort! Ich habe den Artikel überschrieben "Keine Rezension". Was hätte ich auch schreiben sollen als Lob? Aber was kann man von einem Buch Schöneres sagen, als dass es einen beim Lesen zum Nach-Denken anregt, und das tut Britta Radkowskys Buch wirklich! Copyright 2005 | Johannes
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