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Hommage ... Die site vampirgruft.com, die in ihrer Stimmigkeit für mich zu den ‚best of few' im net gehört, nimmt die BesucherInnen durch ihre intelligente Performance visueller, akustischer und substantieller Elemente spontan für sich ein. Als Nicht-Vampyr, der zum ersten Mal eine vampyrische site besuchte, war ich zunächst einfach neugierig, was mich erwartete. Bei wiederholten Besuchen beeindruckten mich dann aber nicht nur die Professionalität und die sehr anregenden Inhalte: es ist ein Strom der Melancholie, aus dem diese site belebt und bewegt wird!
Melancholie!: nicht als bloße ‚Stimmungschiffre' oder statisch-dunkle Requisite ... sie wird - bei aller Ernsthaftigkeit im Ganzen - an manchen Stellen geradezu wie ein Zitat, wie ein kleines melancholisch-ironisches Ready-Made inszeniert (das beginnt mit den Särgen).
Weil in diesem Auftritt beides, Profession und Emotion (für mich persönlich würde ich sogar von Spiritualität sprechen wollen), in so ‚bewegender' Weise zusammengehört, verstehe ich meine - teilweise sehr subjektiven, (vielleicht ver-rückten?) - Assoziationen als eine Hommage an die Melancholie wie auch an die vampirgruft.com. "aventiure" Melancholie durchzieht (bis in Staub und Stein) - völlig unabhängig von uns - die Natur. Sie ist eine Reaktion auf den Urknall (etwas salopp gesagt) und ‚klingt' wie ein tief gestimmter Tinnitus, ein samtenes basso continuo, in der Natur nach. Zwischenspiel: ... sie gingen ... waren schon stunden gegangen ... vor ihnen sollte die sonne aus ihrer letzten höhe in das bild des horizonts wechseln... lang hinuntergeklappte schatten hafteten an ihren sohlen ... schattenstücke zwischen gestrüpp ... schatten von schatten ... bisher unsichtbare schwärze, fetzenhaft an den Böden gelagert, hatte sich mit der nachlassenden wärme zusammengefunden ... dann die schäfte der gräserbüschel gefüllt ... und stieg ... während die sonne rot aufsetzte ... ruckartig durch die kapillarischen linien der rinden ... in die wipfel der bäume, wo sie verfließen sollte mit der nacht, deren kühle schon, wie auf eine hohe saite gespannt, den abend durchzog ... ... Die Gräser, Sträucher, Bäume wachsen dem Licht entgegen und bewahren das Dunkel im Innern. Auch wer mit Tieren (bei größeren wird das sehr deutlich) lebt, kennt - bei aller Eleganz und Stärke, Zutraulichkeit und Unbefangenheit, die uns an ihnen erfreuen kann - diese wechselnde Reserviertheit im Verhalten, wie auch in der Tiefe ihrer Augen. Die Bilder von Franz Marc (z.B. Der Turm der blauen Pferde, 1913) zeigen einiges davon. Diese Melancholie ist - wie ihr akustisch-instrumentales Analogon im background der vampirgruft - für mich eine Art reflexiver Kontrapunkt der Natur und durchaus erfahrbar. Sie gehört m.E. notwendig zur transzendentalen Existenz jedes einzelnen Menschen, aber auch zum ‚Humanum', das sich ja eigentlich nur zwischenmenschlich ereignen kann - wenn es sich dann ereignet ... und so durchströmt sie auch den Körperkreislauf, wie das dunkle Blut, das zum Herzen geht ... Melancholie kann für mich also keine Attitüde, ja, nicht einmal nur Haltung sein (natürlich kann sie beides aktuell auch sein!) - sie ist zuerst etwas a priori Gegebenes, etwas Vorgefundenes ... vielleicht ein Gestus reflektiertenSchweigens, solange entscheidende Fragen: ... die des Seins und seines Grundes in sich selbst ... die nach dem Tod ... die nach der Zeit und Ewigkeit ... nach uns unbekannten Dimensionen ... unformulierbar - jedenfalls nicht zu beantworten sind... Und wir? ... sind mit allem und alles ist mit uns auf einer ungewissen (aventiure-)Fahrt ... ... aber selbst, wenn es gewisse Antworten möglicherweise niemals geben kann (und davon bin ich überzeugt), so bliebe (bleibt) uns eben dieses reflektierte Schweigen, die Melancholie, die uns vor dem freien Fall bewahrt: Was ist denn das Sein des Seienden?... ein Gestus des DA-Seins ... unerlöst, aber offen? ... eine Geste des SO-Seins ... erschöpft, aber einladend? ... über dem Abgrund, wo der Mond sein Licht verschüttet und die "schwarze Sonne der Melancholie" mit goldenem Schweif dahinrast (1) ... ... also doch über dem Abgrund? ... ja, denn manchmal ist es uns, als müssten wir - frei nach Büchners Lenz - auf "dem Kopf gehen" ... und der Himmel als Abgrund über uns ... Zurück zu den Büchern! Weg von Spekulationen! Zurück zu den (Wörter-) Büchern! Der Terminus vom "zerquälten Wesen", den Webmistress Marcia im Interview (in dem bemerkenswerten Buch von Britta Radkowsky,Moderne Vampyre, Ubooks-Verlag, 2005, S. 81) für vampirische, melancholische Menschen gebraucht, schien mir zuerst etwas zu prononciert, ein bisschen zu vehement, aber der Blick ins altgriechische Lexikon (Benseler, Leipzig 1879) belehrte mich darüber, wie weit gefasst doch der Begriff der Melancholie ist oder doch war.
"melangcholáo" (die altgriechische Schreibweise kann hier nur nachgeahmt werden) bedeutet "an schwarzer Galle, an der Milzsucht leiden, schwermüthig, wahnsinnig sein, rasen" ... man weiß ja, was damit gemeint ist, wenn ‚jemandem die Galle hochkommt' ... und "melangcholía" übersetzt sich mit "die Milzsucht, der Wahnsinn, Tiefsinn ... Auch im Mittelhochdeutschen "verstat man an der swarmueti" noch "zorn" (vgl. Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, 1838 bis 1960). Erst später wandeln sich ‚schwermuth, schwärmütigkeyt' oder niederländisch ‚zwaarmoedigheid' mehr zu ‚tristia' und ‚melancholia'. Seit dem Altertum hat sich also der "Sitz" der Melancholie vollständig von den Verdauungsorganen weg (Wut kommt ja auch mehr aus dem Bauch) in den seelisch-psychisch-zerebralen Bereich verlagert.
Über die gegenseitigen Bedingtheiten von Wut, Wahnsinn, Niedergeschlagenheit, Ernährung,Verdauung und Kunst hat übrigens Jacopo da Pontormo, der große Maler der Spätrenaissance (auf der Schwelle zum Manierismus), in seinem einzigartigen Buch IL LIBRO MIO (Aufzeichnungen 1554 - 1556; Salvatore S. Nigro; München; Schirmer-Mosel 1988) ein Zeugnis gegeben: "Das Tagebuch ist ... ein Text der Verlorenheit des Seins (sic!). Mit gelassenem Schrecken bewegt sich Pontormo an der Peripherie der Unterwelt in einem Dunkel, das dem blendenden Licht vorausgehen muss", so Giorgio Manganelli in seinem Vorwort.
Melancholisches Lächeln Nicht nur Dunkel und Licht benötigen einander (viele Pflanzen können ohne Tag-Nachtgleiche gar nicht existieren), ebenso bedingen sich etwa der reflexive Gestus und der Humor oder Witz. Gerade Kabarettisten spielen häufig mit diesen dialektischen Standpunkten. Eines der besten Beispiele innerhalb der Bundesrepublik ist dafür Mathias Deutschmann, der Mann mit dem Cello. Und es wäre ganz bestimmt interessant, nach den (oft verborgenen) melancholischen Aufhängern in der (um nur eine zu nennen) Harald-Schmidt-Comedy-Show zu fragen. Der vampyrische Mensch jedoch, der sein Leben von anderen Koordinaten aus denkt, steht stärker "unter dem Passat" der Melancholie. Aber nicht nur Sie/Er. Jede(r), die/der sich ex-zentrisch, antagonistisch und / oder protagonistisch definiert, jede(r), die/der kreativ ist, wird seine Position, seine Mittel und Ziele irgendwie reflektieren (müssen). Sonst hätte eine site wie die vampirgruft.com gar nicht entstehen können. Das melancholisch-reflexive Moment bedeutet Er-Innerung privater und auch gesellschaftlich-politischer Vergangenheiten. Es bedeutet für das Bewußtsein eine Ver-Innerlichung der Zerbrechlichkeit des Augenblicks, der Gefährdung zwischen den Menschen. Ich behaupte, dass intensive Reflexion immer auch melancholische Bewegungen in Gang setzt (oder dass diese umgekehrt die Reflexion auslösen), und dass ohne psychisch-mentale Betroffenheiten (die ja, wie gesagt, nicht immer nur dunkel oder erschütternd sein müssen) am Ende kein kreatives Denken und Handeln auskommen kann: kein Handwerk, kein Artikel, keine Kunst, keine Lust und auch kein Entertainment. In und aus diesen Interdependenzen und Zusammenhängen erlebe ich die site vampirgruft.com als einen melancholischen, dabei weltoffenen und unterhaltsamen Ort für Vampyre und ihre Gäste. Gitter und Netze "(Wär ich wie du. Wärst du wie ich. Standen wir nicht unter einem Passat? Wir sind Fremde.) Die Fliesen. Darauf dicht beieinander, die beiden herzgrauen Lachen: zwei Mundvoll Schweigen." Zeilen aus dem bewegenden programmatischen Gedicht SPRACHGITTER von Paul Celan: Findet sich hier nicht alles wieder? Die (hier zwar formulierte, aber) hilflose Frage, die existentielle Dissonanz ("Wärst du wie ich")? Wobei mit diesem poetisch-syntaktischen ich-du-Crossingover ja nicht die vordergründige Unmöglichkeit bestätigt werden soll ... sondern damit wird auf die ‚Bedenkenlosigkeit' mancher Erwartungen angespielt, die mit dem ‚du' zusammenhängen. Gemeint ist auch nicht etwa ein ‚Sprechgitter', durch das - halb und halb - gesprochen werden könnte. Die Sprache ist das Gitter. Und was für das lyrische Ich dieses Gedichtes das ‚du' bedeutet, wird gesagt ... "Wir sind Fremde." - aber immerhin: Wir sind ... (...Paul Celan ist aus einem Lager der Nationalsozialisten geflohen ... auch von dort her ist die Aura des ‚lyrischen Du' bestimmt ...) ... die Gefährdung, und ständige Möglichkeit des Scheiterns zwischen (zwei) Menschen ... von Menschen, die einmal "unter einem Passat (auch der gleichen Sprache) standen". ... Aber es gibt noch eine weitere Gitterstruktur: die lyrische Metapher der Fliesen ... auch eine Art Netz, wo "die beiden herzgrauen Lachen" schweigend, aber dicht beieinander ruhen ... ein poetisches Bild, in dem eine Möglichkeit des ‚Dicht beieinander' (nicht Miteinander) beschrieben wird ... emotional eine melancholisch-reflexive Ruhe ... Angekommen Auch die vampirgruft.com gehört zu einem ‚Netz'. Es ist ein Ort der Kommunikation, wo das ‚du' vielleicht nicht nur zur Etikette gehört, wo sich vielleicht Seelenverwandtschaften finden können wo man sich also wirklich in Beziehung zu einem ‚Humanum' setzen kann und damit in Beziehung zu sich selbst. Das bedeutet Ankommen! Solch Geist und Selbstverständnis als Ausdruck der vampyrischen Kommunität (bei allen einzelnen Unterschieden) kann (jedenfalls für den Gast) schon unvergleichlich sein. Wenn sich die site aufbaut, wenn der Ton erklingt, so mag man das wie die Eröffnungsfigur eines melancholischen Reigens empfinden - ein (spiritueller) Augenblick der Gegenwart der Vergangenheit, ein nächtlicher Tanz über dem Abgrund der unbefragbar dunklen Präsenz des Hier und Jetzt. Schlussfigur Die vampirgruft.com ist eine site, die eine Autorin hat: Webmistress Marcia. Und bei einer Hommage muss ein bisschen Personenkult sein! Da uns gerade ein Stuhl zur Hand ist, bitten wir sie also, sich auf diesem - mit entsprechender Verve und Pose - sitzend denken zu wollen ... für einen ephemeren Moment als allegorische
^^M^^ELANCHOLIA! Anmerkung 1) Gérard de Nerval in seinem Gedicht ‚El Destichado': die "schwarze Sonne der Melancholie", die als Kometenkugel aus Eis und Staub aber sichtbar mit goldenem Schweif dahinrast. Copyright 2005 | Johannes
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