Entwicklungsmöglichkeiten von Gesellschaftlichen Formen


Ich möchte hier indirekt auf die GOTHIC-Szene und mehr auf die Entwicklung einer Gesellschaft, wie der Gothic-Szene, eingehen.

Wenn das traditionelle, soziologische Schichtmodell der Gesellschaftspyramide betrachtet wird, finden sich am Rande der typischen gesellschaftlichen Schichten Gruppierungen, die sich mit der vorhandenen Gesellschaftsstruktur, ihren Normen und Werten nicht identifizieren können und/oder wollen. Diese werden gerne als Randgruppen definiert (Der Begriff der "Randgruppe" scheint aus Zeiten zu stammen, da man glaubte, die Erde sei eine Scheibe. Unliebsame Zeitgenossen und gesellschaftlich inkompatible Gruppierungen gedachte man wohl über den Rand der Erdscheibe hinaus ins bestrafende Nichts stoßen zu können - Wer heute von Randgruppen redet ist also der irrigen Annahme aufgesessen, die Erde sei immer noch eine Scheibe?) :O).

Unter der Oberfläche der gesellschaftlichen Mainstreamkultur entwickeln sich Subkulturen, die mit den bestehenden Normen und Werten zu brechen bereit sind; somit entwickeln sich Gegenkulturen, die sich in dialektischer Abhängigkeit zur Gesamtkultur abnabeln.

Die GOTHIC-Entwicklung ist auch ein contrakultureller Ausstieg aus moderner Leitungsgesellschaft, deren Ziele und werte inkompatibel der Sinnsuche gegenüberstehen. Es ergibt sich eine Sinnsuche innerhalb gesamtkultureller Tabuthematiken, die eine intensive Auseinandersetzung mit der traditionellen Gesamtkultur darstellt und eine Reaktion auf vorhandene Defizite der bestehenden Gesellschaft einleitet.
In der "Gemeinschaft" Gleichgesinnter Individualisten wurzelt die Basis für gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz; diese Faktoren erleichtern das irdische Dasein in seiner Profanität. Durch eine höhere Symbolik wird die Suche nach einem Sinn im "Großen Ganzen" erleichtert. Gerade die GOTHIC-Szene ist enorm vielschichtig in ihrer Entwicklung, egal ob Geisteshaltung, Kunst und Kultur oder oberflächlichere Dinge betreffend, wie etwa Kleidung und Aufmachung ( verzeiht mir den Ausdruck "oberflächlich" ).

Der immer wieder auftretende Vorwurf : GOTHIC=SATANIST gründet in den Ängsten derer, die das Unbekannte vorverurteilen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Normendiktatur und nicht aufgrund objektiver Gedankenführung. Religion ist für einige Gothics sehr wichtig, für andere weniger, wenigstens versucht man keinen Nimbus aufrecht zu erhalten und alle möglichen Glaubensformen sind möglich. Mit Sicherheit finden sich "Satanisten" in diesen Reihen, aber ist solcherlei Verallgemeinerung nicht absolut albern und sollte man dem nicht vehement entgegentreten?!

Die Liebe zum vergänglichen, die Schönheit des Morbiden und des Zerfalls, Ruinöse Pracht, Mythen und Legenden, überlieferte Götterwelten und Altes Wissen , die Nacht und ihre Geschöpfe sind vorgefertigte Schablonen, die mit Sicherheit auf viele Angehörige der Gothic-Gesellschaft zutreffen, aber auch hier ist das Individuum zu betrachten, welches sich durch subjektive Intention und nicht durch Klichees definiert.

Eine den Gothics unterstellte Arroganz mag in gewissen Fällen zutreffend sein, aber auch hier bitte nicht wieder verallgemeinern. Den Menschen zuhören öffnet die Sicht für die Vorstellung ihres Lebens und schafft eine Basis der gegenseitigen Akzeptanz.
Kommerzialisierung innerhalb einer Contragesellschaft ergibt sich durch Akzeptanz der Gesamtkultur, basierend auf marktspezifischem Interesse natürlich, sowie Langlebigkeit und hoher Kontinuität, speziell im Falle der Gothic-Szene, und ist niemals unvermeidbar.

Einige Berichte verweisen auf rechtsradikale Strömungen innerhalb der Gothic-Szene und führen als "Argumente" Neopaganismus, Bands wie "DIJ" und andere dubiose Vorhaltungen an. Ich persönlich konnte derlei nicht bemerken und möchte hier, mit tiefem Dank, auf Organisationen wie "GRUFTIS GEGEN RECHTS" hinweisen, die ich in diesem Zusammenhang erwähnen muß.

Carpe Futurem, geneigter Leser, was immer Du sein magst...

Copyright 2005 | Nachtgreifer


Feedback eines Lesers:
Hallo Nachtgreifer,

ich wollte dir schon lange mal antworten, aber technische und zeitprobleme haben das verhindert. Aus zeitgründen benutze ich auch keine umschalttaste, sorry (wo große buchstaben auftauchen hat's die automatik gemacht).

Deinen ausführungen stimme ich über weite strecken zu, so weit ich das als nichtvampyr beurteilen kann. Die vampirgruft.com ist für mich jedenfalls ein auftritt, der die vampyrische kommunität, wenn ich das so sagen darf, in bester weise repräsentiert, und ich habe das gefühl, hier kann man sich wirklich gut austauschen.

Zur sache glaube ich schon, dass die vampyrische szene auch in der gesellschaft anerkannt ist. Natürlich als "randgruppe", exzentrisch, antagonistisch usw.. allerdings ist dafür auch immer ein preis zu zahlen. Wir (68'er) nannten das früher die repressive toleranz. Ich denke, wo es nicht unmittelbar um konsum geht, besteht der preis auch darin, von medien in reißerischer weise ausgebeutet zu werden. Denn es geht ja den medien nicht um moral oder gesetz (vordergründig schon), sondern um umsatz und den erzielt man am besten in verbindung mit ‚crime'.

Man muss sicher nicht auf alles eingehen und sollte gelassen bleiben, aber an manchen stellen sollte man m.e. schon auch grenzen deutlich machen. So wie ich die vampyrische art in der vampyrgruft und in dem buch von britta radkowsky kennengelernt habe, begründet sich ihre ‚exklusivität' auf den überdurchschnittlich guten und niveauvollen umgang miteinander und mit gästen. von daher ist exklusivität auch berechtigt und die sollte man auch bewahren. Sie aber durch rückzug oder aus/ab-schluss bewahren zu wollen kann m.e. nicht gelingen und wäre für mich auch zu ‚altherrenclubmäßig'. Aber dass man nicht ständig in pauschal-reißerische und auch unzutreffende zusammenhänge gebracht werden will, das leuchtet mir schon ein.

Repressive toleranz habe ich in den sechziger/siebziger jahren des "vorigen jahrhunderts" (hört sich doch gut an?) auch erfahren, als ich auf dem land (niederrhein/ neukirchen-vluyn) mit freunden einen ‚alternativen betrieb' aufgemacht habe. Aber wir haben unsere arbeit gemacht und sind schließlich akzeptiert worden. Aber ich will hier keine geschichten erzählen ...

Grüße johannes



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